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„Toleranz ist keine Lösung für Rassismus.“

Dieser Satz hing allein an einer weißen Wand in dem Lehrstuhl, in dem ich als Hiwi kurz vor meinem Diplom angestellt war. Die Aussage dieses Satzes machte mich stutzig. Komisch, dachte ich, was soll denn sonst gegen Rassismus helfen, wenn nicht Toleranz? Dass jemand toleriert, dass ich existiere, obwohl ich anders aussehe und eine koreanische Geschichte habe, ist doch alles, was ich mir wünschen darf. Und so arbeitet dieser Satz in mir bis heute.

Gerade zieht die CSD Welle durch Deutschland und demonstriert 2018 immer noch gegen Homophobie und Ausgrenzung. Aber man bittet nicht um Toleranz, sondern macht deutlich, dass gesellschaftliche Barrieren menschengemacht sind und Vielfältigkeit, sowie Stolz über die eigene Identität ein Gewinn für unser Zusammenleben darstellt. #loveislove

Was meine Identität angeht, habe ich mich immer sehr bemüht, mich anzupassen und sehr deutlich als integriert zu gelten. Ob nun Sprache, Mentalität, Freundeskreis, Lebensweise, ich war stets darauf bedacht, niemanden mit meiner Ausländischkeit zu verstimmen. Während meiner WG-Zeiten habe ich niemals Kimchi konsumiert, niemals eine Gruppe koreanischer Freunde zu mir eingeladen, niemals laut auf Koreanisch telefoniert. Und nachdem mein Mitbewohner sich lautstark über den „Gestank“ meines Essens beschwerte, kochte ich jahrelang nicht mehr mit Sesamöl oder Sojasoße. Und dennoch erlebte ich Rassismus.

„Andere Länder, andere Sitten“

„Geh zurück nach China, wo Du hingehörst.“

„Also mit einer Asiatin würde ich es ja auch gerne mal machen.“

Und daneben Alltagssituationen, wie unfreundlicher bis gar kein Service von Dienstleistern, die kontrollierenden Augen von Fremden, ob ich mich denn auch zu benehmen weiß, den allgemeinen Vorurteilen, denen man entgegenarbeiten muss und den vielen, vielen Malen in denen Leute dachten, es sei legitim herabwürdigende Witze über Asiaten zu machen. Und was mich auch verletzt, sind die Antworten, die ich manchmal bekomme, wenn ich schmerzliche, rassistische Erfahrungen teile. Da wird schnell von „Rassismuskarte“ gesprochen und „Ach, Leila, jetzt stellst du dich aber ein bisschen an!“

Darum bin ich froh darüber, dass die Diskussion über Rassismus und Identität um Özil herum ausgebrochen ist. Denn Rassismus ist eine Volkskrankheit, und wir sind alle davon betroffen. Wir sind alle zum einen oder anderen Grad rassistisch. Wir haben Vorurteile gegen Menschen und verurteilen ganze Länder auf Grund von vereinzelt negativen Beispielen. Aber wie wir mit unserem eigenen Rassismus umgehen und wie sehr wir dem Drang nachgeben, in schlichten Bahnen zu denken, ist entscheidend.

Mir wurde oft die Frage gestellt: „Bist Du Deutsche oder bist Du Koreanerin?“ Und die Haltung hinter der Frage ist klar: Es gibt nichts dazwischen, es gibt nur das 100%ige Befürworten des einen und die 100%ige Ablehnung des anderen. Für mich fühlt sich das jedes Mal so an, als solle ich mich zwischen der Familie meines Vaters und der meiner Mutter entscheiden – das eine kritiklos annehmen und das andere verteufelnd negieren. Die Antwort ist aber: Ich bin ein Kind beider.

Wenn ich in letzter Zeit die Nachrichten quer lese, ist meine Reaktion nicht Entsetzen oder Kopfschütteln, sondern Trauer. Ich bin traurig über Begriffe wie „[Ausländer]arschloch“, „Absaufen, absaufen!“ oder „Asyltourismus“. Ich bin traurig über das stetige Schwinden von Menschlichkeit in der Gesellschaft und dass viele sich nur als Einheit fühlen können, wenn sie ein gemeinsames Feindbild erschaffen haben.

Wir sollten mehr wollen als nur Toleranz, denn Toleranz bedeutet lediglich, dass wir etwas dulden.

Wenn ich an meine Freunde, Kommilitonen und Kollegen denke, die aus den unterschiedlichsten Regionen der Welt kamen, bin ich froh und dankbar für die gemeinsam verbrachte Zeit. Manche teilten ihr köstliches Essen mit mir, andere ihre unglaublichen Lebensgeschichten und wieder andere diskutierten mit mir über Haltungen und Weltansichten. Ich liebe Vielfalt in meinem Leben, ob es nun auf hochdeutsch oder mit schickem Akzent sei, alt oder jung, traditionell oder modern, intellektuell oder albern.

Ein vielfältiges Leben kann niemals davon bestimmt sein, dass man ganze Menschengruppen ausgrenzt. Und ich hoffe, dass wir in der kommenden Debatte viel dazulernen werden.

Anm.: Diesen Text veröffentlichte ich am 24.07.2018 auf einer Social Media Plattform. Die in Bezug genommenen Nachrichten sind demnach veraltet, doch mein Vorschlag, Vielfalt als Gewinn für das eigene Leben zu verstehen, ist nach wie vor aktuell.

2 Kommentare

  • Uli

    Das ist erstaunlich aktuell, was du schreibst, obwohl es 4 Jahre her ist. Das zeigt traurigerweise, wie wenig in einer guten Richtung passiert ist. Mir gefällt, wie du die Beobachtungen so authentisch aus deiner persönlichen Geschichte erzählst. Man kann es sehr gut nachvollziehen. Das ist ein wichtiger blogg.

    • leila

      Hallo Uli, willkommen auf whataboutchu.com 😀
      ja, Du hast recht, manchmal sind wir von einer Sache so überzeugt, dass uns die Entwicklung dahin viel zu träge erscheint. Geht mir absolut genauso.
      Und doch ist der Ursprung von Wandel immer ein anspruchsvolles und agiles Ideal. Ziele sind irgendwie beides: frustrierend und relevant.
      Hoffentlich lesen wir uns bald wieder 🙂

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